Interview: Überleben im Binnenflüchtlingslager
Die Geschichte einer Mutter und ihrer Tochter in Haiti
Nachdem bewaffnete Banden ihr Viertel in Haitis Hauptstadt, Port-au-Prince, überfallen und eingenommen hatten, mussten Anne und ihre Mutter Altagrace fliehen. In einem Lager für Binnenvertriebene angekommen, hängt ihr Überleben heute von den täglichen Schulspeisungen ab - für sie ein sicherer Anker inmitten von Unsicherheit und Hunger.
Anne ist Schülerin der Marie L'Auxilliatrice Schule in Haitis Hauptstadt Port-au-Prince. Die Schule war ursprünglich im Stadtteil La Saline ansässig und musste aufgrund von Gewaltausbrüchen zwischen rivalisierenden Banden nach Delmas im Westen der Stadt verlegt werden.
Da 90% von Port-au-Prince mittlerweile von bewaffneten Banden und kriminellen Organisationen kontrolliert werden, sind landesweit mehr als 1.4 Millionen Menschen innerhalb des Landes vertrieben worden. Auch die 14-jährige Anne und ihre Mutter Altagrace wurden Teil dieser erschreckenden Statistik, als Banden begannen ihr Viertel zu besetzen. Sie flohen in ein Lager für Binnenvertriebene in der Nähe der Schule, um der Gewalt zu entkommen.
Wie hat die in Haiti immer weiter eskalierende Bandengewalt Ihr Leben verändert?
Altagrace: Alles hat sich geändert, als ich fliehen musste. Banden überfielen die Nachbarschaft und schossen. Das hat mein Leben komplett verändert. Deshalb habe ich mein Viertel verlassen, um mit meinen Kindern in einem Lager zu leben. Aber hier, wo ich jetzt bin, fühle ich mich nicht wohl. Ich versuche nur zu überleben.
Mein Bruder ist bei einer Schießerei zwischen rivalisierten Banden getötet worden. Nach seinem Tod war ich gezwungen die Gegend zu verlassen, um zu überleben. Es gab Anwohner, die es riskierten, nach dem Eindringen der Banden, dort zu bleiben. Sie sind jetzt Teil der Banden.
Anne: Wir mussten wegen der unsicheren Lage fliehen. Das hat viele Probleme verursacht, denn wir hatten dort in La Saline einen Ort zum Lernen, einen Schulplatz. Und jetzt sind wir gezwungen hier (im Binnenflüchtlingslager) zu bleiben. Die Lage ist sehr schwierig geworden.
Als wir noch zu Hause waren, bereitete meine Mutter morgens das Essen zu, bevor wir in die Schule gingen. Aber im Lager sind viel zu viele Menschen. Hier kann sie nicht mehr früh am Morgen aufstehen, wie sie es zuhause getan hat.
Wie hilft Ihnen die Schulspeisung von Mary’s Meals dabei, Ihre Kinder im Lager zu ernähren?
Altagrace: Stellen Sie sich vor, Sie leben mit zehn anderen Menschen in einem einzigen Zimmer. Wir sind wie Tiere in einem Käfig. Morgens, selbst wenn man Geld hat, gibt es nichts, was man für die Kinder zubereiten kann. Man kann sie nur mit Brot und Erdnussbutter am Morgen versorgen, was keineswegs nahrhaft ist.
Doch durch die Unterstützung von Mary’s Meals in der Schule, mache ich mir keine Sorgen mehr. Manchmal kommt das Kind aus der Schule und erzählt mir, dass es Mais-Bohnen-Eintopf oder Reis mit Bohnen und Gemüse bekommen hat. Die Kinder kommen immer wieder zu mir und erzählen mir von den verschiedenen Gerichten, die ihnen angeboten werden. Wenn mein Kind etwas zu essen bekommt, freue ich mich als Mutter darüber, auch wenn ich selbst nichts bekomme.
Anne: Dank Mary’s Meals haben wir viel Hilfe erhalten. Stellt euch vor, ihr lebt in einem Lager. Eure Mutter kann in der Früh kein Essen für die Schule vorbereiten. Ihr müsst bis 10 Uhr warten, um etwas zu essen.
Altagrace: Eine gute Mahlzeit ist für die Entwicklung von Kindern sehr wichtig. Wenn sie hungrig sind, können sie nicht lernen. Wer hungrig ist, macht sich nur Gedanken darum, was er essen kann. Mary’s Meals sorgt für regelmäßige Mahlzeiten. Das macht mich sehr glücklich.
Abschließend: Was möchten Sie den Menschen auf der ganzen Welt sagen, die Mary’s Meals weiterhin unterstützen und spenden?
Anne: Ich möchte mich – auch im Namen aller Schulen, die mit warmen Mahlzeiten versorgt werden, herzlich bedanken. Ich hoffe Sie setzen diese Unterstützung fort, denn sie rettet vielen Menschen das Leben.
Altagrace: Möge Mary’s Meals weiterhin bestehen, damit Kinder eine Mahlzeit bekommen, und so beim Lernen unbesorgt sein können, wodurch auch die Schulen profitieren.
Haiti’s Kindern gehen die Perspektiven aus. Hungrig und von Gewalt umgeben, werden viele von ihnen von bewaffneten Banden rekrutiert -angelockt vom Versprechen auf Nahrung.
Schulspeisungen sind für sie Überlebenswichtig, und eine Spende von nur 22 € hilft uns, Kindern weiterhin lebensnotwendige Nahrung in einem sicheren Lernumfeld anzubieten. Gemeinsam können wir, Mahlzeit für Mahlzeit, ihren Glauben an ein Leben jenseits des Chaos wiederherstellen.