Bildung ohne Grenzen
Mary's Meals bringt alle zusammen - unabhängig von Kaste, Religion und Geschlecht
Mary’s Meals begann 2004 mit 40 Kindern an einer einzigen Schule. Mary’s Meals versorgt heute mehr als 55.000 Kinder in vier indischen Bundesstaaten an jedem Schultag mit einer nahrhaften Mahlzeit. In einem Land, in dem über 35 % der Kinder unter fünf Jahren unter Wachstumsverzögerungen leiden, machen tägliche Schulmahlzeiten einen enormen Unterschied, gerade für die ärmsten Familien.
In diesem Interview spricht Pater Joson, Direktor von BREAD (Board for Research Education and Development) – unserem Partner in Indien – darüber, wie das Versprechen einer täglichen Schulmahlzeit Kinder aus Slums und ländlichen Dörfern in die Schule lockt, wo sie die Möglichkeit haben, Bildung zu erhalten.
Mary’s Meals: Die Ursachen für den weitverbreiteten Hunger in Indien sind vielfältig. Können Sie einige der Herausforderungen schildern, mit denen die Gemeinden konfrontiert sind?
Pater Joson: Indien steht vor einer Vielzahl von Herausforderungen. Der Klimawandel macht sich in Indien sehr deutlich bemerkbar. Der Regen wird immer unregelmäßiger. Häufig bleibt der notwendige Monsunregen aus.
Es gibt keine Bewässerungseinrichtungen für die Bauern. Sie sind vollständig auf die Natur angewiesen. Wenn der Regen zu spät kommt, oder gering ausfällt, sinkt insbesondere die Reisproduktion, was zu Preisanstieg führt. Auch die Preise für andere Grundnahrungsmittel oder Dünger sind durch den Krieg in der Ukraine gestiegen.
Eine der größten Herausforderungen für die Kinder ist der fehlende Anreiz ihrer Eltern, sie zur Schule zu schicken. Die Eltern erkennen den Wert von Bildung nicht. Kinder werden oft zur Arbeit geschickt, weil das Erzielen eines Einkommens für die Eltern oberste Priorität hat. Sie wollen, dass die Kinder auf dem Feld arbeiten, und da sie auf kurzfristige Erträge angewiesen sind, fehlt oft der Weitblick. Sie glauben, dass es Zeit- und Energieverschwendung sei, Kinder zur Schule zu schicken.
Für viele Mädchen in Indien gilt noch immer die traditionelle Vorstellung, dass sie nach der Heirat „weggegeben“ werden und sich eine „Investition“ in ihre Bildung nicht lohne. Doch wenn es eine Schule in der Nachbarschaft gibt, die zusätzlich eine Mahlzeit anbietet, sind Familien deutlich eher bereit, ihre Töchter dorthin zu schicken.
Welche Auswirkungen hat Mary’s Meals auf die Kinder, die unsere täglichen Mahlzeiten in der Schule erhalten?
In den Einrichtungen, in denen unsere Mahlzeiten ausgegeben werden, sind die Kinder gesünder, die Schulbesuchsrate ist höher und es gibt mehr Einschreibungen, weil es für die Eltern eine echte Anziehungskraft gibt. Die Auswirkungen sind sehr, sehr deutlich sichtbar.
Selbst Eltern, die anfangs zögerten, ihre Kinder zur Schule zu schicken, sind jetzt zufrieden. Am frühen Morgen gibt es oft kaum etwas zu essen. Anstatt nach Essen zu suchen, sammeln die Eltern Feuerholz oder durchstreifen den Wald auf der Suche nach natürlichen Lebensmitteln. Wenn die Kinder zur Schule gehen, sind die Eltern erleichtert, dass zumindest eine Mahlzeit am Tag gesichert ist.
Wenn ein Kind durch den Tunnel der Armut heil hindurchläuft profitieren auch künftige Generationen davon.
Und schließlich: Wie trägt das Schulernährungsprogramm von Mary’s Meals dazu bei, dass sich Familien aus unterschiedlichen Hintergründen und Kasten besser integrieren?
Indien war jahrhundertelang eine kastenbasierte Gesellschaft.
Trotz gesetzlicher Verbote existiert in Indien weiterhin Schuldknechtschaft: Menschen werden gezwungen, für sehr geringe oder gar keine Entlohnung zu arbeiten, um hochverzinste Kredite oder vererbte Schulden abzuzahlen. Die meisten Menschen mit dem niedrigsten Einkommen besitzen kein eigenes Land und müssen auf dem Land anderer arbeiten. Für diese landlosen „Schuldarbeiterinnen und -arbeiter“ ist Ernährungsunsicherheit ein massives Problem.
Mary’s Meals bringt alle zusammen – unabhängig von Kaste und Religion – sie können gemeinsam sitzen und essen. Mary’s Meals nivelliert soziale Unterschiede, alle essen aus derselben Küche. Es ist nicht nur das gemeinsame Essen, sondern das damit verbundene Bewusstsein, dass wir alle eins sind – dieses Gefühl wird den Kindern mitgegeben. Niemand will, dass Kinder mit dem Kastendenken aufwachsen. Menschen niedriger Kaste werden psychologisch, wirtschaftlich und sozial unterdrückt, während Menschen höherer Kaste oft das Gefühl haben, ihnen stehe etwas zu, unabhängig von ihrem finanziellen Hintergrund. Mary’s Meals bringt beide Seiten zusammen.
Ein Kind, das fünf oder sechs Jahre lang mit allen anderen gemeinsam isst, wird diese Unterschiede automatisch vergessen – Essen bedeutet Teilhabe und Gemeinschaft. Wir sind eins.